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Einer, der bei den Menschen ist

Pfarrer Alfred Much verabschiedet sich in den Ruhestand
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Alfred Much sagt nach 20 Jahren als Pfarrer im Kannenbäckerland „Tschüß“. Auf eine große Verabschiedung musste mit Blick auf die Corona-Pandemie verzichtet werden. © Bistum Limburg

Alfred Much hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten als Pfarrer das kirchliche Leben im Kannenbäckerland maßgebend geprägt. Nun hat er sich von seiner Pfarrei St. Peter und Paul und den mehr als 13.000 Katholiken verabschiedet und geht mit 68 Jahren in den Ruhestand.

Die 20 Jahre als Pfarrer im Kannenbäckerland haben ihn geprägt, verrät der Seelsorger im Gespräch und er blicke dankbar und zufrieden auf sein priesterliches Wirken zurück. „Jede Zeit war wichtig. Überall wo ich gewirkt habe, gab es Entwicklung. Es sind Dinge gewachsen und geglückt und es gab Dinge, die nicht getragen haben. Ich durfte viele Erfahrungen sammeln, Verantwortung übernehmen, Gestalten und Menschen auf ihrem Lebens- und Glaubensweg begleiten. Was schöneres kann ich mir nicht vorstellen“, sagt Much. Der gebürtige Limburger kam 2000 als Pfarrer von Bad Marienberg nach Höhr-Grenzhausen. Zuvor war er in Biedenkopf, Hofheim und Lahnstein tätig. „Ich hatte nicht geplant 20 Jahre in Höhr-Grenzhausen zu bleiben. Ich bin davon überzeugt, dass Veränderung der eigenen Persönlichkeit aber auch den Pfarreien gut tut“, erzählt der Seelsorger. Nun habe es in der Pfarrei jedoch so viele Veränderungen gegeben, dass er sich immer wieder neu herausgefordert sah, und auch deshalb dem Kannenbäckerland treu blieb. Zunächst übernahm Alfred Much 2009 die Pfarrei Nauort mit den beiden Kirchengemeinden Stromberg und Nauort. Sechs Jahre später wurde dann die große neue Pfarrei St. Peter und Paul im Kannenbäckerland aus den sieben ehemaligen Kirchengemeinden Hillscheid, Höhr-Grenzhausen, Stromberg, Nauort, Breitenau, Ransbach und Baumbach gegründet. „Kirche sieht heute ganz anders aus als zu der Zeit meines Studiums oder meiner Priesterweihe“, sagt Much. Er habe immer vertrauensvoll auf Entwicklungen in der Kirche und in der Pastoral geschaut. Dabei habe ihm der Gedanke geholfen, dass nicht Pfarrer und Seelsorgerinnen und Seelsorger die Zukunft der Kirche garantierten, sondern dass es Gott selbst sei, der der Kirche Zukunft gebe. „Ich habe als Priester bislang immer dankbar erfahren dürfen, dass Gott die Kirche trägt und das es viele Menschen gibt, die sich für den Glauben und auch für die Kirche einsetzen“, so Much.

Pfarreiwerdung war große Herausforderung

Die Pfarreiwerdung 2015 sei für ihn die größte berufliche Herausforderung gewesen. Unterschiedliche Charismen, Traditionen, Orte, Prägungen und vieles mehr, mussten hier zusammengebracht werden und zwar so, dass es etwas neues, eine neue Pfarrei, daraus wachsen kann. „Als Pfarrer einer kleinen Pfarrei kann ich die Seelsorge viel unmittelbarer und direkter gestalten als in einer großen Pfarrei. Hier muss ich mich viel mehr um die konzeptionelle Arbeit kümmern und um die Frage, was es für die Seelsorge in der Fläche der großen Pfarrei braucht“, erklärt Much. Nicht wenige hätten sich mit der Pfarreigründung schwer getan, auch weil sie Eigenständigkeit aufgeben mussten, den Verlust der eigenen Identität und Zentralismus befürchteten. Viele dieser Befürchtungen hätten sich nach fünf Jahren „Pfarrei neuen Typs“ zerschlagen. „Ich blicke sehr hoffnungsvoll auf die Zukunft der Pfarrei. Es gibt viele tolle Entwicklungen. Ich denke etwa an das Zusammenwachsen in und durch Fronleichnamsgottesdienste und Prozessionen oder an die verheißungsvolle Entwicklung der Neugestaltung des Ewigen Gebets. Ich denke an die, die sich in der Kirchenentwicklung engagieren und ich sehe, wie jüngere Gemeindemitglieder Verantwortung übernehmen. Und ich sehe das große Engagement vieler Frauen und Männer in den Kirchorten“, lobt Alfred Much. 

Für seinen hoffnungsvollen Blick auf die Zukunft der katholischen Kirche im Kannenbäckerland sind auch die sieben Kindertagesstätten der Pfarrei von großer Bedeutung. Er habe mehr und mehr entdecken dürfen, welch wertvolle Arbeit hier geleistet werde. Die bereits erfolgten Zertifizierungen und auch die angestrebten seien Ausdruck der hohen Qualität und der Reflektion der geleisteten Arbeit. Aus allen Einrichtungen hätten sich in den vergangenen Jahren Erzieherinnen im Bereich der Religionspädagogik weitergebildet. Dies sei ihm sehr wichtig gewesen, denn oft würden Familien in den Gottesdiensten und im Gemeindeleben vermisst. „Wenn wir uns auf den Weg zu den Kitas machen, können wir sie treffen und uns mit ihnen weiter auf den Weg machen“, sagt Much.

Blick über den Tellerrand der eigenen Pfarrei werfen

Aufbrechen, neue Wege gehen und den Blick über den Tellerrand der eigenen Pfarrei wagen, dies sei ihm als Priester immer wichtig gewesen. Deshalb sei für ihn eine gelebte Ökumene selbstverständlich und immer dichter geworden. „Ich kann mir eine Zukunft des Glaubens und der Kirchen ohne dieses ökumenische Miteinander nicht vorstellen. Ich bin sehr froh, dass hier in den vergangenen zwei Jahrzehnten im Kannenbäckerland viel gewachsen ist. Und ich bin auch sehr froh, dass wir ein gutes Miteinander zu den muslimischen Gemeinden haben“, sagt Alfred Much. Wenn er auf die Zeit in Höhr-Grenzhausen blickt, schaut er auch auf weltkirchliche Erfahrungen und Prägungen zurück. „Mit der Gruppe „Eine-Welt“ durfte ich die Partnergemeinde in Periperi in Brasilien besuchen. Ich konnte mir ein Bild machen von der Situation dieser Gemeinde. Noch mehr durfte ich tolle Menschen dort kennen lernen. Durch die weiteren gegenseitigen Besuche ist die Freundschaft untereinander gewachsen“, berichtet der Seelsorger. Im Jahr 2015 habe er die Gelegenheit gehabt, die Kirche auf den Philippinen kennen zu lernen. „Der Blick weit über den eigenen Kirchturm hinweg lässt Gedanken wie Hass, Vorurteile oder Einigelung nicht mehr zu. Es ist sehr bereichernd, Menschen aus anderen Ländern oder Kontinenten kennen zu lernen. Es stärkt die gemeinsame Verantwortung für die Bewahrung der Schöpfung und den Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit“, so der künftige Pensionär. 

Begegnungen haben ihn geprägt

Auf eine große Verabschiedung musste Alfred Much mit Blick auf die Corona-Pandemie leider verzichten. Die Kirchorte der Pfarrei haben ihre Erinnerungen an ihren Pfarrer und gute Wünsche für ihn in einem Buch zusammengefasst und ihm bei seinem letzten Gottesdienst als Pfarrer der Pfarrei am 29. Juni übergeben. Darin enthalten natürlich auch Fotos von Wallfahrten, von Festgottesdiensten, von Erstkommunionen, Trauungen, Beerdigungen und auch vom Karneval. „Mein Beginn in Höhr-Grenzhausen fiel in die hier wichtige fünfte Jahreszeit, dem Karneval. Mehr und mehr lernte ich diesen kulturellen Höhepunkt eines jeden Jahres kennen“, so Much. Er finde es bewundernswert, wie viele Kinder und Jugendliche in den Tanzgruppen zusammen kommen und das ganze Jahr dafür trainieren. Das sei gute und wichtige Kinder- und Jugendarbeit. 

Dankbar ist der Seelsorge auch für die Begegnungen mit Menschen mit Behinderung. Seit 1990 gebe es in Höhr-Grenzhausen den Treff 90, in dem sich regelmäßig Menschen mit Behinderungen und ihre Freunde treffen. „Es bleiben viele Begegnungen unerwähnt, aber nicht unbedeutend. Voller Dankbarkeit schaue ich auf die gemeinsamen Wegstrecken mit Einzelnen oder mit Gruppen wie die Senioren, die Chöre, die zahlreichen Gremien, Nightfever und andere zurück“, sagt Alfred Much.

Am 1. September wird Xavier Manickathan die Pfarrei St. Peter und Paul im Kannenbäckerland übernehmen und Alfred Much nachfolgen. Einen Masterplan für seinen Nachfolger hat Much nicht entwickelt. Klar ist ihm jedoch, was die Herausforderung für die Seelsorge im Kannenbäckerland sein wird: „Die Herausforderung wird es sein, als Kirche da zu sein, wo die Menschen sind und im Gemeindeleben, die Anliegen aufzugreifen, die die Menschen in unserer Region bewegen. Darin sehe ich eine wichtige Aufgabe der Kirche, auf Menschen in unserer Region zugehen und als Kirche sich dafür einsetzen, dass die Menschen im Kannenbäckerland eine Zukunft haben.“

Alfred Much wird seinen Ruhestand nicht im Kannenbäckerland verbringen. Er wird in seine Heimat Offheim, einem Stadtteil von Limburg, ziehen. Bevor er dort neu sesshaft wird, verbringt er einige Wochen im Haus der Stille in Graz und wird sich eine Zeit des Übergangs nehmen, „Ich möchte Distanz gewinnen zu dem, was war und Offenheit für das gewinnen, was Neu auf mich wartet“, so Much. Was das Neue sein wird, weiß er noch nicht. Er will helfen und anpacken, wo Not am Mann ist. Er will am Thema Kirchenentwicklung weiter arbeiten und dem Kita-Bereich treu bleiben.